„Du bist Beherrscher deines Glücks und Marionette deines Untergangs.“
Der Satz kam einfach so. Er offenbarte sich in einem Moment der Stille und des Innehaltens. So ist es mit den meisten spannenden kreativen Ideen. Ich habe ihn einmal niedergeschrieben – eher reflexhaft als mit Absicht. Und ließ ihn wirken.
Es war kein Satz, der mich verfolgte. Nicht einer, der sich aufdrängte und mich nicht losließ. Er war eher so etwas wie ein Gedanke, der beim Zurückschauen größer wirkt, als er im Moment seiner Entstehung war. Wie ein Stein, den man achtlos aufhebt und dann merkt, dass er schwerer ist, als man angenommen hatte.
Je länger ich über ihn nachdenke, desto klarer wird mir, warum er mir nicht aus dem Blick gerät: Er berührt etwas, das mich immer wieder beschäftigt, bewusst oder unbewusst — die Spannung zwischen dem, was wir beeinflussen können, und dem, was uns beeinflusst. Zwischen dem aktiven Handeln und dem passiven Mitlaufen. Zwischen Gestaltung und Auslieferung.
Beim Schreiben fällt mir oft auf, dass Figuren selten vollständig frei handeln. Und selten völlig unfrei. Sie stehen irgendwo zwischen diesen Polen, mal näher hier, mal näher dort. Vielleicht hat mich der Satz deshalb getroffen: weil er diese Zwischenzone beschreibt, ohne sie dramatischer zu machen, als sie ist. Er sagt nicht, dass wir hilflos sind. Und auch nicht, dass wir die Kontrolle hätten. Er erkennt einfach an, dass beides gleichzeitig richtig ist.
Was mich am meisten erstaunt, ist nicht die Bedeutung des Satzes, sondern die Art, wie sie sich erst mit Verzögerung zeigt. Ich habe nicht versucht, etwas Tiefes zu formulieren — der Satz war einfach plötzlich da. Die Tiefe kam erst später, als ich bemerkte, was in ihm mitschwang.
Vielleicht nehme ich solche Sätze deshalb ernst: nicht, weil sie perfekt sind, sondern weil sie etwas Wahrhaftiges besitzen. Sie engen nichts ein. Sie behaupten nichts Endgültiges. Sie lassen Raum für Fragen, für Interpretationen, für Figuren, die sich an ihnen reiben oder von ihnen abgestoßen fühlen.
In meinen Geschichten taucht immer wieder dieses Motiv auf — Menschen, die sich irgendwo zwischen Wunsch und Angst bewegen. Zwischen dem Versuch, etwas zu erreichen, und dem Drang, etwas zu vermeiden. Zwischen Freiheit und Einschränkung, oft beides zur gleichen Zeit. Der Satz hat dieses Motiv nicht geschaffen. Aber er hat es sichtbarer gemacht.
Es ist ein prägender Satz. Weil er mich erinnert, genauer hinzuschauen. Auf Figuren. Auf Entscheidungen. Auf mich selbst. Nicht, um eine große Wahrheit zu finden, sondern um kleine, unscheinbare Bewegungen zu erkennen, die erst bei erneuter Betrachtung Gewicht bekommen.
Der Satz hat sich nicht aufgedrängt. Er hat sich Raum genommen.
Und manchmal – meistens – reicht das.

