Es gibt Texte, die nicht entstehen, weil man sie plant. Sie sind plötzlich da.
Prosaminiaturen gehören für mich zu dieser Art von Texten. Sie melden sich nicht an, sie verlangen nichts, sie erklären sich nicht. Ich setze mich hin – oft ohne Absicht, manchmal nur mit einem vagen Gefühl – und beginne zu schreiben. Nicht selten habe ich dabei den Eindruck, als würde ich etwas freilegen, das bereits existiert hat, lange bevor ich Worte dafür fand.
Diese Texte sind kurz. Manchmal sehr kurz. Und doch empfinde ich sie nicht als „klein“. Ihre Kürze ist keine Beschränkung, sondern eine Verdichtung. Sie erzählen keine Geschichten im klassischen Sinne. Es gibt keine ausgearbeitete Handlung, keine psychologisch erklärten Figuren, keine Auflösung. Stattdessen halten sie einen Zustand fest: Kälte, Schuld, Verlust, Schweigen, Erwartung. Sie verweilen darin – und enden, wenn nichts mehr hinzugefügt werden muss.
Was mich an Prosaminiaturen besonders fasziniert, ist ihre Konsequenz. Sie versuchen nicht, zu trösten. Sie wollen nichts beweisen. Sie sind nicht darauf ausgerichtet, verstanden zu werden. Und gerade darin liegt für mich ihre Stärke. Sie lassen Raum. Für Stille. Für eigene Bilder. Für das, was unausgesprochen bleibt.
Oft empfinde ich das Schreiben dieser Texte als etwas Eigenartiges, beinahe Unheimliches. Sie entstehen organisch, ohne erkennbare Anstrengung, und überraschen mich selbst. Nicht selten erschreckt mich ihre Klarheit. Und doch tragen sie – trotz ihres teils harten Inhalts – etwas Befreiendes in sich. Als würde Schmerz, der lange festsaß, in Bewegung geraten. Als würde er mit dem Wind hinausgetragen, ohne kommentiert oder erklärt zu werden.
Prosaminiaturen sind für mich kein Projekt und kein Ziel. Sie sind ein Nebenraum meines Schreibens. Ein Ort, an dem nichts erwartet wird und gerade deshalb etwas entstehen kann. Manche dieser Texte werden vielleicht eines Tages nebeneinander stehen, als Sammlung. Vielleicht aber auch nicht. Beides ist in Ordnung.
Wichtig ist nur, dass sie geschrieben werden dürfen.

